Konsequenzen einer Lüge.

31 décembre 2017

Als vor 18 Jahren der damalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Einverständnis mit Jörg Haider, dem Parteivorsitzenden der FPÖ, mehrere Mitglieder von dessen Partei in seine Regierung aufnahm, kam es zu scharfen in- und ausländischen Protesten. Die Mitgliedsstaaten der EU reduzierten ihre Kontakte zur österreichischen Regierung auf ein Minimum.  Diese Regierung zerbrach zwei Jahre später, drei den Rechtsextremisten angehörige Minister hatten abgedankt. Der Grund für die Proteste gegen die Regierungskoalition der ÖVP Schüssels und der FPÖ Haiders war klar und die Haltung der Europäischen Gemeinschaft war stark. Die Demonstranten, die in Österreich und anderen europäischen Ländern  gegen Haider und Schüssel auf die Straße gingen, und die Verantwortlichen der EU waren sich darin einig, dass die Mitglieder einer Partei, die sich von ihre braunen Wurzeln immer noch nicht gelöst hatte, nicht mit der Regierung eines demokratischen Staates Europas betraut werden durften.

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Von der „dunklen Autorität“ der Mutter

16 octobre 2017

Vor einigen Monaten erschien die deutsche Übersetzung eines der besten Bücher über und mit Lacan:

Geneviève Morel: Das Gesetz der Mutter. Versuch über das sexuelle Sinthom. Übersetzt von Anna-Lisa Dieter. Turia und Kant, Wien 2017

Am 1. Dezember wird die Autorin in Hamburg ihr Buch vorstellen, im Thalia-Theater um 20 Uhr in der Theaterbar „Nachtasyl“. Mit Anna-Lisa Dieter, Harald Greil, Franz Kaltenbeck, Christine Ratka und Eckhard Rhode. Mehr hier.
Aus diesem Anlass schickte mir Franz Kaltenbeck den folgenden Vortrag, den er 2010 in Wien gehalten hat. RN

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Karl Kraus gegenüber Hitler

25 juillet 2017

Karl Kraus hat von 1915 bis 1921 an seiner Tragödie Die letzten Tage der Menschheit gearbeitet. Im Vorwort schreibt er, dass seine Darbietung zehn Abende und ein Theater auf dem Mars benötigen würde. Nur selten wurde das Werk in voller Länge aufgeführt. In diesem Stück ruft er Hunderte von Figuren auf den Plan, die Opfer und die Anstifter des Ersten Weltkrieges: einfache Soldaten, Generäle, österreichische, ungarische, preußische Kriegstreiber, Reporter, hohe Beamte, Pfarrer, Militaristen, Adelige des Wiener Hofes1, Kaiser Wilhelm II., sich selbst – als Nörgler maskiert – sowie  seinen Widersacher, den Optimisten. Er lässt sie sagen, was er während all dieser Jahre auf der Straße gehört und in der Presse gelesen hat. Mit dem Schaffen dieses 800 Seiten starken Theaterstücks hat er nicht nur die unwahrscheinlichsten Handlungen und die Unterhaltungen darüber eingefangen, er hat auch die Konsequenzen des großen Gemetzels erahnt, die Katastrophe des Nationalsozialismus, die folgen sollte

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Wiedergeburt zum Schlimmeren. David Foster Wallaces vergebliche Versuche, dem Existenzschmerz zu entkommen

31 octobre 2016

Abstract

Der amerikanische Autor behauptet, er habe mit Infinite Jest (Unendlicher Spaß) ein trauriges Buch schreiben wollen. Er wird aber, im Gegensatz zu seiner Behauptung, dem Titel seines Romans gerecht. Dass man seinen Humor schätzt, wenn man ihn liest, tut er mit der Bemerkung ab, Kafka habe auch lauthals gelacht, als er seine Geschichten seinen Freunden vorlas und doch seien diese oft traurig. Vielleicht ist es Wallace aber wirklich nicht gelungen, sein melancholisches Leiden, mit seinem Schreiben zu fassen und zu bändigen. Er konnte den Schmerz, der ihn umbrachte, dennoch klinisch beschreiben. Das, was Lacan „Sinthome“ nennt, nämlich die Verknüpfung künstlerischer Schöpfung mit einer das Subjekt vor dem psychotischen Abgrund rettenden Struktur, ist ihm zumindest in seinem letzten Roman, The Pale King (Der bleiche König) nicht gelungen. Was hatte sich da diesem mächtigen Schriftsteller in den Weg gestellt? Diese Frage wollen wir versuchen zu beantworten.

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Die gesellschaftliche Verleugnung des Realen

2 octobre 2016

Abstract (April 2016)

Das Reale der Gesellschaft äußert sich unter anderem in ihren Wertkrisen. Diese sollten nicht mit den gesellschaftlichen Konflikten verwechselt werden. Wertkrisen entstehen dann, wenn eine Gesellschaft für die Gefahren, die ihre das Leben erhaltenden Funktionen bedrohen, blind wird und die Menschen dann ihre Panik durch einstimmige Massenbewegungen auszuschalten versuchen. Zum Beispiel fürchtet die Mehrheit der Franzosen die Immigration der syrischen Kriegsflüchtlinge in ihr Land viel mehr als die immer realistischer werdende Prognose, dass nach den nächsten Wahlen der Front National an die Macht kommen könnte. Dieser drohende politische Umsturz macht nur einer Minderheit der Bevölkerung Angst.

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Verstoßene Kinder

24 avril 2016

Am Theater entgehen einem manchmal Details, die doch ihre Wichtigkeit haben. „… stets entfliehet Unbeachtetes“, sagt der vom Orakel zurückgekehrte Kreon.1 So überliest man z..B. im König Ödipus von Sophokles leicht die kleingedruckte Anweisung vor dem Auftritt des blinden Teiresias:

„Teiresias tritt auf, von einem Knaben geführt“2.

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Robert Musils unvollendbare Liebe

3 janvier 2016

Für Robert Musil waren Gedanken und Gefühle unpersönlich. Nur was sie miteinander verflocht, machte sie zur Kunst und zu etwas Persönlichem. Die Einmaligkeit seines Schreibens besteht vielleicht darin, dass seine künstlerischen Verflechtungen wieder zu Gedanken führten, die ihrer Zeit weit voraus liefen. Zum Beispiel war er ein großer Theoretiker der Weiblichkeit. Sein Schreiben sublimierte seinen Trieb zu einem neuen Wissen über das, was eine Frau will. Als er dieses Wissen zwischen 1908 und 1911 poetisch artikulierte, bezogen Freud und seine Schüler ihr Wissen über Weiblichkeit noch über das klinische Studium der Hysterie.

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Eine Diskussion über das, was am 13. November 2015 in Paris geschehen ist

23 novembre 2015

Vorgestern fand im Théâtre de de La Verrière, Lille, bei vollem Haus eine Veranstaltung mit dem Ziel statt, auf die Vorgänge vom 13. November in Paris ein Licht zu werfen. Savoirs et Clinique und Citéphilo hatten dazu eingeladen. Geneviève Morel hielt den einleitenden Vortrag und stellte dann Dr. Catherine Adins, Leiterin der UHSA des Universitäts-Krankenhauses von Lille, und Professor Gilles Kepel, Paris, Politologe, Spezialist für Islam-Forschung und arabische Welt der Gegenwart vor.

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Die Gewalt der Melancholie nach David Foster Wallace oder Die Grenzen der Verschlüsselung

19 juin 2015

David Foster Wallace schrieb immer mit dem Gefühl der Dringlichkeit. Als er im Alter von 46 Jahren Selbstmord beging, hatte er bereits zwei Romane veröffentlicht – einen davon im Umfang von 1545 Seiten (in der deutschen Übersetzung) –, außerdem zahlreiche Stories und Essays. Wenn die melancholische Depression sein Leben bedrohte, musste er, um das Schlimmste zu verhüten, mehrfach ins Krankenhaus eingeliefert werden. Er suchte verschiedene „Therapeuten“ auf. Gegen Drogen und Alkohol kämpfte er, indem er sich sehr aktiv an den Treffen mehrerer Selbsthilfegruppen beteiligte, vor allem bei den Anonymen Alkoholikern; einige seiner Geschichten spielen in diesem Milieu. Er hat zwar Freud gelesen, scheint aber nie in einer Psychoanalyse gewesen zu sein.

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Geschlecht und Symptom

30 décembre 2014

In Frankreich brach voriges Jahr ein Krieg aus. Er wurde von reaktionären Kreisen angezettelt, nachdem auf Vorschlag der Regierung das Gesetz zur Zulassung der Ehe zwischen Homosexuellen (mariage pour tous) von der Nationalversammlung verabschiedet worden war. Auf die Heirat für Alle antwortete eine Koalition aus Rechts-Katholiken, Nationalisten, Monarchisten und Faschisten mit der „Demonstration für alle“, die einmal fast eine Million Menschen zu Protestkundgebungen auf die Straßen von Paris brachte. Im Zuge dieser Proteste wurde die „Gendertheorie“ als ein Faktor gebrandmarkt, der die Ehe und die Familie zerstöre und in den Schulen obszöne Aufklärung zur Beziehung zwischen den Geschlechtern veranstalte.

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Reinhard Priessnitz sticht in See Untiefen der Protopoesie

Avril 2007

1.Nachweis
Erweiterung eines im April 2007 in Linz gehaltenen Vortrags.

2. Einleitung

Als Reinhard Priessnitz nach Triest kam, soll er sich dort etwas anders verhalten haben als gewöhnliche Besucher dieser Stadt. Obwohl auch er es kaum vermeiden konnte, auf die Adria hinauszuschauen, habe er dem Meer doch öfter demonstrativ den Rücken zugekehrt. Priessnitz war bei Helmut Eisendle und seiner damaligen Lebensgefährtin, der Puppentheater-Prinzipalin Julia Reichert, in der oberitalienischen Hafenstadt du Gast. Julia Reichert erzählte diese Anekdote dem Germanisten Thomas Eder, der sie weitergab. Die kleine Geschichte nimmt schon einiges von dem vorweg, was Priessnitz in seiner mit der ehemaligen Hafenstadt der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gleichnamigen Ballade schrieb, um die es hier im Folgenden geht(1). Priessnitz spielt mit seiner Geste vielleicht auf Homer an, einen "zeitgenosse[n] aller zeiten"(2), oder auf den von Blindheit bedrohten James Joyce, der in Triest sein erstes Exil fand. Er wendet sich auch von den überkommenen poetischen Ideen, die das Meer inspiriert hatte, ab. Aber er stellt vor allem die Verbildlichung der Quelle und des Gegenstandes von Poesie radikal in Frage. Seine abfälligen Verse 29 bis 31 verspotten die Identität spendende Definition des Meeres im Jargon des logischen Empirismus(3):

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Symposion 13

05 janvier 1996

In Symposion 13 vom 05. Jänner 1996 spricht Franz Kaltenbeck, in den sechziger Jahren in Wien Philosoph im Umkreis des „Wiener Aktionismus“ und heute einer der führenden „lacanianischen“ Psychoanalytiker in Paris, über seine Wiener Zeit und die Psychoanalyse.

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